Nun stehe ich also hier. Auf dieser kleinen, wenig befahrenen Landstraße mit einer Neigung von ca. 10 %. Das Skateboard in der Hand, den Rucksack auf dem Rücken, Max und sein Fahrrad neben mir. Wir sind auf dem Weg zum Tischtennisspielen. Im Nebenort kann man das ganz gut. Hier gibt es einen Sportplatz, der noch nicht abgeriegelt ist und einlädt, die warmen Frühlingsabende bei einem Bierchen und etwas Bewegung zu genießen. 
Ein kleines Stück laufe ich den Straßenbuckel hinunter. Der kommt mir von hier oben doch etwas lang und steil vor. Dann bleibe ich stehen. Von hier aus sind es noch gut
300 m bis runter. „Das sieht doch machbar aus“, denke ich mir. 
Alles ist frei. Die Straße perfekt. Frei von Kratern, Dellen oder Steinchen. Als wäre jemand vorher mit einem dieser Saubermache-Autos hier durch die Einöde gefahren, um den Dreck von den Straßen zu fegen. Mit mulmigem Gefühl im Bauch sage ich mir: „Du schaffst das! Notfalls bremse oder spring ab!“ 
Dann starte ich. Ich steige auf mein Board. Das Board rollt los. Meine Füße und ich fest darauf verankert. Noch stehe ich. Mit zunehmender Geschwindigkeit wächst das mulmige Gefühl von eben. „Nicht mehr denken“, sage ich mir. Anfangs klappt das auch ganz gut, doch dann werde ich schneller und schneller. Ich merke, dass ich mich für meine Verhältnisse auf einem Skateboard zu halten, doch etwas zu schnell vorwärts bewege. Stress und Angstgefühle befallen meinen Körper und mich. Ich verkrampfe, bin unentspannt und festgefroren. Versuche, die Kontrolle über das Board zu behalten und verkrampfe dadurch noch mehr. Meine Beine fangen an zu schlottern. Das Board unter meinen Füßen auch. Es vibriert und zittert. Wackelt unkontrolliert hin und her. 
„Wenn ich stürze, ist es aus!“, denke ich mir. Ich bin zu schnell. Abspringen ist keine Option! Hinfallen auch nicht – das tut weh. Ich muss standhaft bleiben. Die Angst abschütteln. Das Board wieder unter Kontrolle bringen, ohne es zu kontrollieren. 
Dann richte ich meine volle Aufmerksamkeit auf meine Atmung. Das hilft mir in solchen Situationen immer sehr. Etwas anderes fällt mir momentan auch nicht mehr ein. „Atme ruhig und tief“, sage ich mir. „Konzentriere dich.“
Nach kurzer Zeit habe ich mich ins Atmen eingegroovt. Die Angst weicht und wird zu fokussierter Energie. Nur das Board und ich sind noch da. Alles andere rückt in weite Ferne. Ich spüre, wie ich mehr und mehr die Kontrolle abgebe. Ich möchte sie gar nicht mehr haben. Mein Körper löst sich von allen Spannungen. Er ist weich und stabil zugleich. Ein unglaublich schönes Gefühl. Das Skateboard hört auf zu schlenkern und zittern. Es rollt sanft über die sich nach unten neigende Straße. Wie ein Teil von mir sitzt es nun unter meinen Füßen. Alles fühlt sich leicht und schwerelos an. Ich atme. Nichts anderes. Ich atme. 
Dann merke ich, dass die Steigung abnimmt. Die Geschwindigkeit bleibt. Ich bin stabil und konzentriert. Ohne etwas machen zu müssen, hat sich die Situation von selbst unter Kontrolle gebracht. Erleichterung breitet sich aus. Es gibt nichts als mich, das Board, die Straße und … eine plötzlich auftauchende 90°-Kurve.

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