GLÜCKLICHE ZUFÄLLE: JA, ES GIBT SIE
Es ist Freitag, der 8. November 1895. Im physikalischen Institut in Würzburg wird in dieser Nacht noch lange geforscht. Wilhelm Conrad Röntgen arbeitet an einem Experiment mit Elektrostrahlung. In dem abgedunkelten Raum, in dem er sich befindet, nimmt er plötzlich einen abseitsstehenden Kristall wahr, der immer wieder aufleuchtet, findet in der Röhre vor ihm eine Funkentladung statt. Der Kristall wird dabei von keinem sichtlichen Lichtstrahl getroffen, der durch sein Experiment passiert. Jetzt hat Röntgen die Neugier gepackt. Er geht davon aus, dass das Aufblitzen des Kristalls von der Röhre verursacht wird und bringt unterschiedliche Materialien, wie Papier und Holz, zwischen Röhre und Kristall. Doch nichts geschieht. Der Kristall leuchtet bei jeder Funkentladung weiter. Nur Bleche aus Platin oder Blei können das aufflackernde Licht des Kristalls unterbrechen. Röntgen ist sich sicher, aus dieser Entdeckung kann etwas Großes entstehen.
Der einfachste Begriff, der beschreibt, was in dieser Novembernacht passiert – außer der Entdeckung der Röntgenstrahlen – ist Serendipity. Oder zu Deutsch: „glücklicher Zufall“.
Nicht nur bei der Entdeckung der Röntgenstrahlung spielt der Zufall eine wichtige Rolle. Auch viele andere Erfindungen profitieren vom Faktor Zufall, wie Post-its, Teebeutel, LSD oder Penicillin. Diese Art der „glücklichen Fügung“, bei der aus Versehen etwas entsteht, was Veränderung und Erfolg mit sich bringt, nennt sich auch Serendipity-Prinzip.
Geprägt wurde der Begriff »Serendipity« 1754 vom englischen Autor und Politiker Harace Walpole. Harace suchte für das Phänomen der Zufallsnutzung einen Begriff und stützte sich auf das Märchen der drei Prinzen von Serendip. Drei Brüder, die immer wieder über glückliche Entdeckungen stolpern und sich dadurch weiterentwickeln.
Den Zufall für Erfolg nutzen? Das soll gehen? Ein wenig klingt das wie ein Widerspruch in sich. Etwas nutzen, was nicht da ist und davon auch noch profitieren? Wie soll das gehen?
Die Kernessenzen dieses Phänomens nennen sich Offenheit, Aufmerksamkeit und Neugier. Drei Konzepte, denen wir im Leben oft begegnen, ohne ihnen viel Beachtung zu schenken. Zielgerichtet messen wir Erfolg an Planung, die eine ganz bestimmte Richtung vorgibt. Eine Art Tunnelblick, der irgendwann zu diesem ganz bestimmten Erfolgsziel führt. Die kleinen, spannenden Nebenerfolge, die das Leben interessant machen und ihm eine neue Wendung verleihen können, bleiben dabei oft auf der Strecke. Wir stellen uns unser Leben in eine einzige Richtung vor, ohne die vielen anderen Optionen wahrzunehmen, die unsere Wege kreuzen. „Go straight, behalte dein Ziel im Fokus und setze alles daran, es zu erreichen“, lautet die Devise.
Das Serendipity-Prinzip steuert dieser Denkweise entgegen und lässt die Offenheit zu, die es braucht, um sich frei in alle Richtungen zu bewegen und zu entwickeln. Erfolg besteht nicht allein darin, Ziele geplant und Schritt für Schritt abzuarbeiten. Erfolg besteht vor allem darin, seine Talente zu leben und seine Begabungen in alle erdenklichen Bereiche einzubringen und weiterzuentwickeln.
Wilhelm Conrad Röntgen, der Entdecker der X-Strahlung, ist freien Geistes und mit offener Haltung an ein Experiment herangegangen. Er nimmt sich und seine Umgebung wahr und nutzt den Moment, um mit Neugier etwas Großes zu entdecken. Getrieben von der treibenden Kraft des „Was-Passiert-Wenn“-Effekts.